„Am 27. Januar wurde der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts begangen. Solche Tage sprechen selten die große Masse an. Es geht um etwas Offizielleres, um das Bekenntnis des Staates zum „Nie wieder Auschwitz“. Eigentlich ein klarer Gedanke, doch inzwischen ist selbst das keine Selbstverständlichkeit mehr, wenn etwa Rechtsextreme die Gedenkrede an die NS-Opfer von damals halten wollen. Dies geschah jetzt im sächsischen Freital.“
Zum BeitragPublizistik
„Viele fragen uns jedes Jahr: Was macht ihr zwei an Heiligabend? Gemeint ist nicht der heilige Abend des Opferfests oder Jom Kippur, sondern der 24. Dezember. Wir stellen uns vor, wie ein jüdisch-muslimisches Klischee-Weihnachten aussehen könnte: Wir sitzen vor einer dekorierten Palme, statt Plätzchen backen wir Baklava und Challa, und zur Bescherung kommt der Weihnachtsmann mit Kippa auf einem Kamel geritten.“
Zum Beitrag„Wie im dystopischen Roman „1984“ von George Orwell erleben wir gerade, wie sich „Unwissenheit ist Stärke“ zu einer Art Leitidee entwickelt. Der Unterschied zu Orwells Vorlage besteht darin, dass das Bewusstsein der Menschen nicht von einem totalitären Staat kontrolliert wird, sondern aktuell Chaos für Verblendung und Orientierungslosigkeit sorgt. Nicht die Vernunft oder das Argument zählen, sondern Emotionalität und Betroffenheit.“
Zum Beitrag„Es ist in Deutschland fast schon zum Reflex geworden: Erst mal gibt es antiisraelische Proteste auf der Straße, dann werden die islamischen Verbände aufgefordert, Stellung zu beziehen.“
Zum Beitrag„Es gibt Sonntage, an denen wir so tun, als seien wir richtig deutsch. Das beginnt um 9.30 Uhr in der Schlange beim Bäcker und endet um 20.15 Uhr auf der Couch bei „Tatort“ oder „Polizeiruf“. Beim Bäcker weiß man, was man bekommt. Der Sonntagskrimi ist eher eine Wundertüte: Mal ist man begeistert, mal enttäuscht. Selten fällt unser Urteil unentschieden aus, wie beim jüngsten Münchner „Polizeiruf. Little Boxes“ – deshalb schreiben wir darüber.“
Zum Beitrag„Auf der einen Seite wird die Hybridität unserer Identität gefeiert und die Selbstbestimmung als Leitprinzip betont. Nach dem Motto „Sei, wer auch immer du sein willst!“ Auf der anderen Seite spielt ein biologistisches Denken eine zentrale Rolle: Du kannst nicht einfach alles sein, deine Vorfahren bestimmen deine Identität.“
Zum Beitrag„Wir hatten ein nettes Hotel in einem kleinen Ort mit dem vielversprechenden Namen Heiligenstadt gebucht. Von Frankfurt ist man in zwei Stunden da. Wir fragten uns: Ticken die Leute hier in Heiligenstadt anders als die Menschen im nur dreißig Kilometer entfernten Göttingen oder in Bad Hersfeld ums Eck?“
Zum Beitrag„Anfang Juli wird der Bundestag über das neue Gesetz zur Regelung der Sterbehilfe abstimmen. Wie auch immer es ausgeht, ob sich der konservative oder der liberale Entwurf durchsetzt – es ist gut, dass darüber gesprochen wird. Nicht nur im Bundestag, sondern auch in der Gesellschaft. Bei unserem Abendbrot ist das Thema jedenfalls noch nicht abgefrühstückt.“
Zum Beitrag„Während fachlich versierte Forscher es mitunter schwer haben, breites Interesse für ihre Arbeit in der Öffentlichkeit zu bekommen, erfährt ein anderer Typ Wissenschaftler aktuell Zuspruch. Wir meinen jene, die oft an der Grenze von Wissenschaft und Politik agieren, wenn sie diese in Richtung Letzterer überschreiten. Wie politisch Wissenschaft sein darf, ist freilich umstritten. Allein deshalb, weil die Einschätzungen darüber, wo „das Politische“ beginnt, weit auseinandergehen.“
Zum Beitrag„Seitdem in Polen die rechtsnationalistische PiS-Partei an der Macht ist, strickt die Regierung an einem neuen polnischen Nationalbewusstsein. Die polnische Kollaboration mit den Nazis sowie die brutalen Angriffe auf Juden direkt nach dem Holocaust werden geleugnet – mehr noch: 2018 wurde per Gesetz unter Strafe gestellt, diese historischen Fakten zu thematisieren.“
Zum Beitrag„Sie sind beide als ehemals britische Kolonien fast gleichzeitig nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden: Pakistan im Jahr 1947, Israel folgte ein Jahr später. Pakistan ist aus der Bewegung des „Pakistan Movement“ entstanden, die für die Gründung einer muslimischen Nation die Teilung Britisch-Indiens anstrebte. Israel ist die Erfüllung des zionistischen Traums, einen jüdischen Staat zu gründen – als Schutz vor jahrhundertelangen Verfolgungen, Vertreibungen und Pogromen an Juden in Europa, die im Holocaust gipfelten.“
Zum Beitrag„Die Gattung Integrationsdebatte ist zwar keine deutsche Erfindung, doch wurde sie hier scheinbar perfektioniert. Die Formel ist einfach: Geschieht eine Gewalttat durch junge Männer mit Migrationshintergrund, folgt die öffentliche Empörung in den Medien, vorneweg in der Springer-Presse. Dann eilen Politiker und Integrationsexperten in die Talkshows und fordern im pawlowschen Reflex: „Konsequenzen!“ Es wird über die Herkunftskultur der „Migrantenkinder“ geklagt, die hierzulande so viele Probleme bereitet.“
Zum Beitrag„So wie auch wir den Platz für unser Bild noch nicht gefunden haben, suchen die deutsche Öffentlichkeit und die Politik nach einem Umgang mit den Bildern, die wir aktuell aus Iran zu sehen bekommen. Videos, die in den sozialen Medien kursieren, zeigen, wie junge Demonstranten verhaftet und brutal niedergeschlagen werden. Täglich gibt es neue Nachrichten über Entführungen, Todesurteile und Hinrichtungen.“
Zum Beitrag„Natürlich hat jede Person das Recht, ernst genommen zu werden – übrigens egal, ob sie jüdisch ist oder nicht. Allerdings darf der Maßstab für die Entscheidung, ob Kunst antisemitisch ist, niemals subjektiviert werden. Juden, wie alle anderen Gruppen auch, sind unterschiedlich. Was der eine als verletzend empfindet, kann die andere sogar gut finden. Es braucht also mehr als den Hinweis, dass jemand in seinen Gefühlen verletzt ist, um Antisemitismus oder Diskriminierung nachzuweisen.“
Zum Beitrag„Seit einigen Wochen darf die größte Moschee Deutschlands in Köln den Muezzinruf über zwei Lautsprecher ertönen lassen. Und für konservative Politiker ist es aufs Neue ein willkommener Anlass, die alte Wunschvorstellung vom christlich-jüdischen Abendland aus der Mottenkiste zu ziehen. Nur ist die Erzählung von einer idyllischen christlich-jüdischen Tradition etwas, wie soll man sagen: eine ziemlich einseitige Angelegenheit.“
Zum Beitrag„Komische Zeiten. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, beschäftigt sich die halbe Welt seit zwei Wochen mit dem Tod einer sechsundneunzigjährigen Frau. Die Dauerschleife der Queen-Nachrichten hatte den Vorteil, sich eine Pause von Berichten über den Krieg, die Energiekrise oder die Flutkatastrophe in Pakistan zu erlauben.“
Zum Beitrag„Als Rushdie 1989 seinen Roman 'Die Satanischen Verse' veröffentlichte, sorgte dies weltweit für Demonstrationen und Gewaltausbrüche von muslimischen Fundamentalisten. Ob jemand von ihnen das Buch jemals in der Hand hielt?“
Zum Beitrag„Wir müssen jetzt aufpassen, dass unsere eigene Kolumne nicht als aktivistisches Manifest verstanden wird. Schließlich machen auch wir uns gelegentlich mit identitätspolitischen Anliegen gemein. Tatsächlich wurde uns deshalb schon das eine oder andere Mal vorgeworfen, aktivistisch zu sein. Und das, obwohl wir doch sowieso schon zu alt und spießig dafür sind!“
Zum Beitrag„Wir haben uns gefragt, worin sich Akzeptanz von Transmenschen in Deutschland im Vergleich zu unseren Herkunftsländern unterscheidet. Uns kommt der Umgang hier verkrampfter vor.“
Zum Beitrag„Urlaub haben wir beide anders als hierzulande erlebt, doch bemühen wir uns, uns an die Urlaubskultur der Deutschen anzupassen. Zugegeben, es gibt Grenzen: Tennissocken mit Sandalen werden wir nicht tragen und auch keine Liegen mit Handtüchern reservieren. Was uns inzwischen aber ziemlich gut gelingt: ständig über den Urlaub reden! Wie war der letzte? Wohin geht der nächste? So kann jedes peinlich schweigsame Gespräch gerettet werden.“
Zum Beitrag